Albert Lange über "Am Ende den Ort wechseln"

Nein, lineares Schreiben ist ihre Sache nicht, und creativ-writing-Seminare wären ihr vermutlich ein Graus: Die Schule des Schreibens der Malerin und Autorin Karin Irshaid ist das Sehen, das genaue Hinsehen und wahr-nehmen der Dinge und der Zeit. Die assoziative Bildlichkeit ihrer Sprache, fast beiläufig und spielerisch in die kleine Form meist kurzer Sätze geordnet, folgt Erinnerungsspuren wie einem verschwiegenen Bachlauf, der Umwege nimmt durch sonnenbeschiene Wegränder, steinige Strudel und sandige Untiefen, um frei (oder befreit?) an sein Ziel zu gelangen. Ja, ein Ziel ist dem „pastellfarbenen“ Schreiben der Autorin inhärent – allerdings nicht im Sinne eines „Plots“ auf den letzten Seiten, sondern einer Lebensreise, die ihre Erfüllung sucht und finden will.

Der neue Erzählband von Karin Irshaid, dessen erster Texttitel „Orte hinterlassen Spuren“ fast programmatisch für diese geglückte Textsammlung sein könnte, lagert Impressionen, Erinnerungsspuren, Tagträume und Ersehntes übereinander und löst diese Schichten vorsichtig ab, um an den Ursprung, den Anfang, zu gelangen. Wir Lesende sind eingeladen, diesen intimen Suchbewegungen der Traumbilder und Impressionen zu folgen (dies möglichst ohne die nutzlose Frage, was autofiktional oder dem „lyrischen Ich“ geschuldet sei). Die unaufdringliche Leichtigkeit, mit der Irshaid auch Schweres erzählt oder andeutet – der fehlende und dann fremde Vater in Kriegsgefangenschaft, Mutters weißes Gesicht, Anspielung an Hölderlins im Winde klirrende Fahnen … unvergessliche Kindheit, die Intensität der kleinen Dinge, erstmalig erlebt, später auch Dramen, die das Leben bereithält – Karin Irshaid erzählt davon, diese prägenden Orte und Zeiten reisend im Kopf oder Zug wieder aufzusuchen und nach ihrer Wahrheit zu befragen.

Mit der lyrischen und plastischen unabgenutzten Bildhaftigkeit dieser Suchbewegungen läßt sich ihre freundliche Nähe zur umgebenden Natur und den menschlichen Begegnungen mitlesen: Der Tonfall einer Sarah Kirsch wird erinnerlich, die (im Buch erwähnte) Droste, die Bildhaftigkeit Johannes Bobrowski oder der genaue Blick eines Wilhelm Genazinos, der ebenso vermeintlich unscheinbar-Alltägliches durch genaue Beschreibung sichtbar machen konnte. Irshaids Formmaß und Sprachmelodie ist die souveräne Subjektivität der Erzählerin. Deren Macht spiegelt eindrücklich das Langgedicht In meinem Gedächtnis wohnst Du, indem der unendliche Schmerz eines Liebesverlustes seinen poetischen Ausdruck findet. Ein Buch, das auch beim zweiten Lesen Entdeckungen und Erkenntnisse für uns Lesende bereithät. Die große Reise dieser Künstlerin ist noch nicht zu Ende – zu hoffen ist eine baldige Wiederbegegnung.

Albert Lange

(Gründer und langjähriger Inhaber der Buchhandlung ‘Kafka & Co.‘ Detmold)